Unter der Lederjacke
Es gibt Orte, die wie eine Postkarte aussehen, bis du mit roten High Heels in der Tasche und einem Plan auftauchst, von dem außer dir niemand wissen sollte.
10/24/20264 min lesen
Es gibt Orte, die wie eine Postkarte aussehen, bis du mit roten High Heels in der Tasche und einem Plan auftauchst, von dem außer dir niemand wissen sollte.
Diese kleine Holzbrücke habe ich ein paar Wochen vorher zufällig entdeckt. Dunkle, schwere Balken, bemooste Betonpfosten und dahinter ein Wald, der im Herbst aussieht, als hätte jemand goldene Farbe über die Bäume gekippt. Damals war es dort leer und still, nur Wind und Blätter. Ich dachte: perfekt. Ich komme mit der Kamera wieder und mache etwas, das diese Balken noch nie gesehen haben.
Ich kam wieder. Und das Erste, was ich sah, war der Parkplatz. Rappelvoll. Auto an Auto, einer parkte schon auf der Wiese, ein anderer am Straßenrand. Offenbar hatte die ganze Stadt dieselbe Idee wie ich, nur mit etwas weniger Leder im Kleiderschrank.
Ich saß eine ganze Weile im Auto und schaute durch die Scheibe auf die Leute. Körbe, Wanderstöcke, Hunde. Auf die Tasche mit den roten Heels auf dem Beifahrersitz. Auf die Jacke, unter der fast nichts sein sollte. Und ich stellte mir eine sehr vernünftige Frage: Will ich das wirklich hier machen?
Die Antwort kam von selbst, als ich ausstieg und die Luft spürte. Kühl, mit dem Duft von Laub und feuchter Erde. Die Sonne stand schon tief und alles hatte diese Honigfarbe, die kein Filter nachmachen kann. Schade, das zu verschenken. Angst hin oder her, das Licht wartet nicht.
Ich fing brav an. Lederleggings, die bei jedem Schritt knarzen, ein weißes Crop Top mit Spitzenkante, die Jacke und rote High Heels, in denen man auf einem Waldweg ungefähr so bequem läuft wie auf einer Eisbahn. Ich setzte mich auf einen Betonpfosten, spreizte die Beine in den Heels, schaute ins Objektiv. Klick. Der Beton war kalt, ich spürte ihn durch das Leder, und das war ein ziemlich angenehmes Gefühl.
Dann hörte ich die erste Stimme. Eine Männerstimme, irgendwo hinter der Wegbiegung. Lachen, dann eine zweite Stimme, eine Frau. Ich erstarrte, die Hand auf dem Oberschenkel. Schritte auf Kies, immer näher. Ich tat so, als würde ich meinen Schuh richten. Sie gingen vorbei, ein Paar mit Hund, und der Hund sah mich interessierter an als seine Besitzer. Er sagte „Guten Tag“, sie musterte meine Heels, als hätte sie gerade ein Zebra im Wald gesehen. Ich grüßte höflich zurück. Mein Herz klopfte so laut, dass ich sicher war, man hört es am anderen Ufer.
Unter der Lederjacke
Ich wartete, bis ihre Stimmen verklungen waren. Zählte im Kopf bis dreißig. Dann zog ich das Top aus.
Darunter trug ich einen roten Spitzen BH, in der Farbe der Heels. Ich stellte mich ans Brückengeländer, Hände auf den Hüften, die Jacke offen. Der Wind fand sofort jeden Zentimeter nackter Haut. Kalt, aber keine unangenehme Kälte. Eine, bei der alles deutlicher wird. Jeder Windstoß, jedes Rascheln, jedes Geräusch aus dem Wald.
Und Geräusche gab es viele. Irgendwo knackte ein Ast. Weiter weg bellte ein Hund, vielleicht derselbe, vielleicht ein anderer. Plötzlich hörte ich ein Fahrrad. Das ist ein ganz eigenes Geräusch: erst nichts, dann auf einmal das Surren der Reifen direkt hinter dir. Ich schaffte es, die Jacke mit einer Bewegung zuzuziehen, wie in einem Actionfilm, in dem die Heldin zwei Sekunden hat, um die Beweise zu verstecken. Der Radfahrer sauste über die Bretter der Brücke, die unter ihm dröhnten wie eine Trommel. Er drehte sich nicht mal um. Ich stand da, die Jacke bis zum Kinn zu, mit einem so unschuldigen Gesicht, dass ich es mir selbst nicht geglaubt hätte.
Und genau da wurde es interessant. Denn mit jedem solchen Moment veränderte sich die Angst ein bisschen. Sie war noch da, aber sie mischte sich mit etwas anderem. Mit einem Schauer, der nichts mit der Temperatur zu tun hatte. Mit diesem verdrehten Gefühl, dass all diese Leute so nah waren und keiner eine Ahnung hatte, was ein paar Dutzend Meter neben ihrem Spaziergang passierte.
Ich öffnete die Jacke noch einmal. Der BH blieb im Gras liegen, neben dem Pfosten.
Die letzten Bilder machte ich mit erhobenen Armen über dem Kopf. Die Jacke rutschte zur Seite und hing nur noch an den Schultern, Leder auf Haut, kühl, schwer, mit diesem Geruch. Die Sonne schien durch die Blätter und malte goldene Flecken auf meinen Bauch. Für einen Moment hörte ich nichts. Keine Stimmen, keine Hunde, keine Fahrräder. Nur meinen eigenen Atem und das leise Klicken des Auslösers. Dieser eine Moment, in dem der ganze Wald mit mir den Atem anzuhalten schien.
Und dann wieder Schritte. Diesmal viel näher. Jemand ging direkt auf die Brücke zu.
Ich weiß nicht, wie schnell man den Reißverschluss einer Lederjacke schließen kann, wenn die Finger kalt sind und ein bisschen zittern. Ich weiß nur, dass ich es geschafft habe. Zwischen den Bäumen trat ein älterer Herr hervor, mit einem Korb voller Pilze. Er sah mich an, die roten Heels, die Leggings, die in der Sonne glänzten. Er nickte anerkennend, so wie man ein gut dekoriertes Schaufenster ansieht, und ging weiter. Wäre er zehn Sekunden früher gekommen, hätte sein Pilzesammeln ein ganz anderes Ende genommen.
Den BH hob ich erst auf, als er weg war. Er war nass vom Tau und eiskalt. Ich zog ihn mit einem leisen Zischen an und schwor mir, beim nächsten Mal einen zum Wechseln mitzunehmen.
Auf dem Rückweg zum Auto kam ich an denselben Leuten vorbei. Das Paar mit dem Hund, die Frau mit den Wanderstöcken, eine Familie mit Thermoskanne. Ich lächelte sie an wie jemand, der einfach nur spazieren war. Die Heels trug ich in der Hand, und unter der Jacke spürte ich noch diese Kälte und diesen Schauer, der nicht von meiner Haut verschwinden wollte.
Die besten Fotos entstehen nicht, wenn alles unter Kontrolle ist. Sie entstehen, wenn hinter der Biegung Schritte zu hören sind und du die Jacke trotzdem öffnest.
Mehr Fotos von diesem Shooting findest du auf meinen Kanälen, und jeder bekommt seine eigene Version dieses Nachmittags. Auf Instagram und X siehst du Herbstfarben, Leder und rote Heels. Die Bilder, bei denen mein Herz am schnellsten schlug, warten auf Fansly.
Instagram: instagram.com/electric_joanna_selfie
X: x.com/electric_Joanna
X: x.com/VoltageMuse
Fansly: fansly.com/electric_joanna

